Rhenanus-Schule   Bad Sooden-Allendorf

Prominenter Besuch

DDR-Fotograf Siegfried Wittenburg besucht Rhenanus-Schule
10. November 2017

WittenburgVom Versprechen einer Utopie

„Wir sind erwachsen, aber nicht mündig“, hatten junge Leute an die Wand ihrer Schule geschrieben und damit dafür gesorgt, dass das Gebäude eine Zeitlang nur auf einem Umweg betreten werden konnte. Hohe Bretterwände versperrten die Sicht auf dieses gedanklich ambitionierte Graffito, bis an der Fassade wieder Normalität eingekehrt war. Die DDR-Organe hatten diesen Aphorismus als staatsfeindlich eingestuft und nicht eher geruht, als bis die Sprayer dingfest gemacht werden konnten. Die Quittung waren zwei Jahre Gefängnis.

Siegfried Wittenburg, 1952 in Warnemünde geboren und an der Ostsee aufgewachsen, hat Aufbau und Untergang der DDR miterlebt und aus seiner Sicht dokumentiert. Neben seinem Brotberuf als Funkmechaniker hielt er als freier Fotograf den Alltag der Menschen in seinen Bildern fest, den Zustand der Städte und – wie er sagt – immer wieder auch „den Kontrast zwischen Sein und Schein“: so auch den oben beschriebenen Umgang mit jungen Menschen.

Aus Anlass des 09. November und mit Förderung des Grenzmuseums stellte Wittenburg Rhenanus-Schülern seine Eindrücke aus dem Leben in der DDR anhand zahlreicher Fotoarbeiten vor, wobei er diese immer wieder auch aus der Perspektive junger Menschen präsentiert:
Da gibt es Fotos von Schulnachmittagen, bei denen „Erscheinen in Pionierkleidung“ angesagt war. Wer – wie der junge Wittenburg – der Organisation nicht angehörte, markierte sich durch seine Alltagskleidung von vornherein als Außenseiter und als unsicherer Kantonist.
Ein junge Frau wird gezeigt, die als Klassenbeste im Jahrgang 10 von einem Studienplatz im Fach Zahnmedizin träumte, aber die Oberstufe nicht besuchen durfte. Auch nachdem sie das Abitur an der Volkshochschule nachgeholt hat, wird sie nicht zum Studium zugelassen. Eine geknickte Biographie, ein verbitterter Mensch.
Immer wieder rückt die Seegrenze an der Ostsee ins Bewusstsein. Es war verboten, mehr als 150 Meter aufs Meer hinauszuschwimmen – und nachts durfte man sich überhaupt nicht am Strand aufhalten. 38 Jahre lang habe Wittenburg den Dampfern aus Dänemark hinterhergeblickt. Manch einer habe es gleichwohl bis zum Feuerschiff aus dem dänischen Gedser geschafft. Ein nachträglich aufgenommenes Foto zeigt einen Kapitän, der fünfzig Menschen aus dem Wasser gezogen und nach Dänemark gebracht habe.

Wittenburgs Familie bewohnte in der Hohen Düne ein Haus mit Garten, Hof und Strandzugang. Dieses – wie er sagt – „Idyll“ habe jedoch die Begehrlichkeiten der örtlichen Genossen geweckt, die ebenfalls ein Haus am Meer wollten. Jahrelang sei die Familie schikaniert worden, bis die Mutter dazu bereit gewesen sei, in die Plattenbausiedlung in Rostock-Lichtenhagen umzuziehen.
Der junge Erwachsene Wittenburg habe sich dort mit einem 7 Quadratmeter großen Zimmer begnügen müssen und noch lange keinen Anspruch auf eine eigene Wohnung gehabt, die der Staat nach Wartelisten verteilte.
Für eine Fotoausstellung machte er Bilder von seiner damaligen Lebensumgebung, einer reinen Schlafstadt, geprägt von Eintönigkeit und Unwirtlichkeit. Als er die Fotos für eine Bezirksschau einreichen will, warnt ihn die Familie: „Bist du wahnsinnig? Du musst doch Bilder von glücklichen Menschen zeigen!“
Die Jury diskutiert tatsächlich einen ganzen Tag über seine Neubau-Bilder, entscheidet schließlich doch, diese auszustellen.

Wittenburg wird Mitglied des Fotoklubs „Konkret“, der seine kreative Heimat wird. Zahlreiche Ausstellungen folgen, aber auch Zensierungen. Die Arbeit mit realistischen Fotografien bleibt eine gefährliche Gratwanderung, da sie zeigen, „was die Bevölkerung eigentlich nicht wahrnehmen sollte“.

Seine Bilder konfrontieren die große Politik, die Demonstrationen, Losungen und Parteitagsbeschlüsse mit der Alltagsrealität: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“, steht dort immer wieder geschrieben. Heute fast vergessen: Noch 1961 hatte die Kommunistische Partei der Sowjetunion beschlossen, bis zum Jahre 1980 die klassenlose Gesellschaft planmäßig einzuführen. Wittenburgs Aufnahmen von einer Sibirien-Reise aus den 1980-er Jahren jedoch zeigen eine äußerst triste Wirklichkeit.

„Wissen Sie eigentlich, wie man Mitglied einer Partei wird?“, möchte der Fotograf von seinen jungen Zuhörern wissen. Der Rhenanus-Schülersprecher erläutert den Prozess ebenso druckreif wie kompetent – von der ersten Orientierung über den Aufnahmeantrag bis hin zur Übergabe des Parteibuchs durch den Kreis-Vorsitzenden der Partei.Wittenburger Schueler

Dem stellt Wittenburg seine eigene Erfahrung gegenüber: Nicht er selbst habe um Aufnahme in die Partei gebeten, die SED samt Meister im Betrieb habe ihn mit Zuckerbrot und Peitsche zum Eintritt aufgefordert. Von Schmeicheleien nach dem Muster „Leute wie dich brauchen wir in der Partei“ bis hin zur – an Lessings „Nathan“ erinnernden - Fangfrage „Wie denkst du eigentlich über unseren Staat?“ habe die Klaviatur gereicht. Eindrucksvoll macht Wittenburg den Schülern deutlich, wie schwer es ihm fiel, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Mit den Worten „Ich hin hier um zu arbeiten, über anderes brauche ich mit euch nicht zu reden“ und mit zitternden Knien habe er die Unterredung verlassen.

An seine aufmerksamen jungen Zuhörer appelliert Wittenburg, die Freiheit und die Demokratie, in der sie aufgewachsen sind, zu verteidigen. Menschenrechte wie Rede-, Presse- und Reisefreiheit seien ebenso unverzichtbar wie freie Wahlen und eine unabhängige Justiz. Besorgniserregend sei der Umstand, dass Europa bröckele und an seinen Grenzen Diktaturen entstünden und Kriege geführt würden.

jt

Moodle Website Website Website
Moodle Lernplattform der Rhenanus-Schule  SSC

Sportinternat

Realschlule
 
Kontakte    ||   So finden Sie uns    ||   Cafeteria   ||   Links   ||  Impressum