Rhenanus-Schule   Bad Sooden-Allendorf

Refugees welcome?!

September 2017
Politpacour 2017 Ein Politik-Parcours an der Rhenanus-Schule Starker Tobak erscheint auf dem Bildschirm. Ein Stakkato aus Schlagzeilen prasselt auf die jungen Zuschauer ein: „Flüchtlinge machen Probleme“, heißt es, „Die Kosten liegen bei 50 Milliarden Euro“ oder auch: „Sanitäter im Asylheim tragen Schutzwesten“. Von Rempeleien, Bedrohungen und Stinkefingern ist in den abgefilmten Zeitungsausschnitten die Rede, von gestiegenen Kriminalitätsraten – und von der Empörung, die Sätze auslösen sollen wie „Wir sind Gäste von Frau Merkel – und Gäste brauchen nicht zu arbeiten“.

Später werden die Schüler/innen einen zweiten Film sehen, in dem sich ganz andere Botschaften finden: „Flüchtlinge nutzen mehr als sie kosten“, „Sie verjüngen die Gesellschaft und sorgen für Wirtschaftswachstum“, aber auch: „Flüchtlinge sind genauso wenig kriminell wie Deutsche“.
Am Ende stehen die Hinweise: „Hinterfrage, was du siehst und liest“ bzw. „Gibt es nur die eine Wahrheit?“

Zunächst aber soll die Schülergruppe die Filme selbst hinterfragen: „Warum hatten die Videos denn wohl keinen Ton?“, möchte Schulsozialarbeiter Daniel Schindewolf wissen. Maximilian aus der H8 beweist Medienkompetenz: „Das ist doch klar! Weil die Bilder dann umso stärker wirken.“
Und was sagen die jungen Leute zu den erschreckenden Schlagzeilen? Maximilians Klassenkameradin Jette findet auch dazu deutliche Worte: „Zeitungen müssen sich ja verkaufen. Und sie verkaufen sich natürlich umso besser, je reißerischer die Schlagzeilen sind.“ Maximilian fügt hinzu: „Mit Sachlichkeit kriegt man keine Auflage."

Angesichts solcher Eingangs-Statements wird die nächste Station im Politik-Parcours zum Thema „Flüchtlinge willkommen?!“ fast schon zu einem Spaziergang: Aus einem Koffer mit zahllosen Kleidungsstücken, einem Ausweis, einem Handy, einem Kuscheltier, Lebensmitteldosen, Medikamenten, einer Bürste bzw. einer Zahnbürste soll die Gruppe sich auf die 5 wichtigsten Objekte einigen, die sie auf eine Flucht mitnehmen würde. Hamid, der selbst schon etliche Ländergrenzen überquert hat, plädiert bei dieser Aufgabe lachend für eine verblüffend erscheinende Lösung: „Ich nehm' den ganzen Koffer mit – fertig!“
In anderen Gruppen wird recht lange darüber räsoniert, dass man ja wahrscheinlich mit den Eltern fliehen würde und die sich dann doch um die meisten Essentials kümmern könnten. Da bleibe einem selbst ja noch Freiraum für ein Kuscheltier…

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An der Station „Brettspiel“ jedoch wird es ernst: „Du bist Christ und lebst im Irak“, heißt es auf einer der Rollenkarten, „in einem Deiner Nachbarorte hat der Islamische Staat alle Christen getötet“ oder: „Du lebst in Eritrea und bist als 13-Jähriger zum Militärdienst eingezogen worden“. Nicht nur die Fluchtursachen sind vielfältig, auch die Mittel, die die Spielteilnehmer mitnehmen können: Dem einen stehen 2500 Euro zur Verfügung, der andere begibt sich mit nur 500 Euro auf die Flucht und hat dementsprechend geringe Reserven, wenn Ereigniskarten ihn in die Bedrängnis bringen: Da wird ihm vielleicht das Mobiltelefon weggenommen oder er braucht dringend Medikamente. Noch schlimmer: Plötzlich wird eine Grenze dauerhaft geschlossen – und alle bisherigen Anstrengungen waren vergebens.

Ein ebenso instruktives wie spannendes, aber auch hochprofessionell wirkendes Spiel haben die Schulsozialarbeiter und Jugendpfleger aus dem Werra-Meißner-Kreis da entwickelt. Jede neue Schülergruppe fragt unisono: „Kann man das irgendwo kaufen?“ und ist dementsprechend von der Antwort enttäuscht: „Nein, das ist ein Unikat.“ Dass die ambitionierten Spiel-Designer dabei schon vor fast zwei Jahren die Schließung der Balkan-Route antizipiert und in den Spielverlauf eingebaut hatten, spricht für sich.

Eine weitere Station zeigt die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn ein Jugendlicher es dann schließlich doch nach Deutschland und in eine deutsche Schule geschafft hat: Einer Schülerin, die den Flüchtling spielt, wird ein Kopfhörer mit lauter Musik aufgesetzt, die Mitschüler erhalten auf Karteikarten Kommunikations-Aufträge: Sie sollen Mittel und Wege finden, sich mit dem neuen Klassenkameraden zu verständigen, Fragen stellen, Vorschläge machen, ihn zum Mitmachen im Schulchor oder gar zum Geburtstag einladen. Nahezu jeder, der in die Rolle des Flüchtlings schlüpft, macht die Erfahrung, wie verwirrend bis geradezu anstrengend es sein kann, in einer Gruppe als Einziger nur mühsam mit Zeichensprache zu verstehen. – In der Reflexionsphase bringt es Anna-Sophia aus der G8b auf den Punkt: „Wir können die Kopfhörer ja einfach abnehmen und wissen dann wieder, was los ist, aber die Flüchtlinge können das ja nicht.“

Weitere Stationen beschäftigen sich mit den Schwierigkeiten einerseits im Alltagsleben - Wie etwa reagiert man, wenn man ein Flüchtlingsmädchen zu sich nach Hause einlädt, dann aber ungefragt auch der große Bruder mitkommt? – und andererseits im deutschen Gesetzesdschungel.

 

Entstanden ist dieser ebenso ausgefeilte wie motivierende Politik-Parcours in der Zusammenarbeit zwischen Mitarbeiter/innen der Schulsozialarbeit an den Gesamtschulen, der Kreisjugendförderung und der Stadtjugendpfleger von Witzenhausen, Bad Sooden-Allendorf und Hessisch-Lichtenau. Der Parcours greift in jedem Jahr gesellschaftlich relevante Themen auf. Und dass es von dem genialen Brettspiel nur ein Exemplar gibt, ist wirklich schade.

jt

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